Zu negativ? Dann lies lieber schnell, was Gerhard zum Abstieg seines HSV zu schreiben hat:

Ein frisches Blatt Papier - zum Abstieg des HSV

Abstiegsgedanken: So eine fußballgottverdammte Scheiße

Ein antikes Drama ist strengen Regeln im Aufbau unterworfen: Zunächst die Vorgeschichte, Protagonisten und Antagonisten werden etabliert, ein bisschen Geplänkel, oft irgendwas mit Liebe und Leidenschaft. Dann steigt die Handlung an, ein Konflikt spitzt sich bis zur sogenannten Peripetie zu: Der Höhe- und Wendepunkt. Von da an geht es bergab. Der Autor streut noch ein retardierendes Moment ein und am Ende sind viele tot.

Als Torsten Lieberknecht eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem Drittligisten verwandelt. So oder ähnlich könnte der Beginn eines Braunschweiger Dramas beginnen. Der Held: Torsten Lieberknecht. Er führt die marode Eintracht aus Braunschweig zurück zu Ruhm, Ehre und vergessenem Glanz.

Ein Traumpaar bis zum Scheitern in der Relegation im Mai 2017. Das Rennen um den Aufstieg gegen den Erzfeind aus dem Westen verloren, ein roter Stich ins blau-gelbe Herz. Dann die abfallende Handlung: Der beste Dritter aller Zweitligazeiten strauchelt, die Verbindung zwischen Held und seiner Angetrauten wird strapaziert. Das retardierende Moment ist das kurze Aufbäumen im Frühling, dann folgt der Absturz: 2 Punkte aus dem Restprogramm. 12 Monate später ist der beste Dritte aller Zeiten zum besten Vorletzten geworden. 39 Punkte, 11 Niederlagen, Liga 3.

Ich wälze mich seit mehr als einer Woche in Wiederholungen und Rückblick. Wann hätte eingegriffen werden müssen? Welcher Spieler hat nochmal den Fehler zum 0:1 in Heidenheim gemacht? Warum spricht keiner mehr über den Fanboykott, der das Stadion in den ersten Wochen lahmgelegt hat? Warum verlernen Spieler mit Bundesligaerfahrung, einen einfachen Ball über einige Meter zu spielen? Wie sind noch gleich die Relegationsspiele verlaufen? Wie konnte das alles passieren?

Die Fragen sind in meinem Kopf wie festgetackert. In den ersten beiden Nächten nach dem Abstieg konnte ich nicht schlafen, ich kenne die auswendig. Ich weiß, welcher Spieler wie viele Tore gemacht hat, und da das nicht so viele sind, weiß ich sogar, in welchen Spielen. Ich habe alles akribisch geprüft und hatte bis drei Tage nach dem Abstieg noch das Gefühl, das sich irgendwo ein verdammter Rettungsweg befindet. Irgendwo muss er sein. Aber er war nicht da, er ist nirgendwo.

Es war die erste Saison, in der sich der Verein im Vorhinein ein bisschen offensiver zeigte. Das erste Mal wollten wir hier nicht einfach nur die Klasse halten. Der Kader machte nach der guten Platzierung 2017 Lust auf die Saison. Klar: Alles nicht so einfach nach einer verlorenen Relegation, aber Braunschweig – hier ist doch immer alles ein bisschen anders.

Nein. Ist es nicht. Fans und Verein liegen sich hier genau so in den Haaren. Sogenannte Identifikationsfiguren spielen auch mal eine Grützsaison. Nicht das ganze Stadion unterstützt die Mannschaft lautstark, sondern oft nur ein Block. Die Dinge haben sich verändert nach dem Abstieg aus der Bundesliga. Ansprüche sind eingekehrt, die ihre Berechtigung hatten, aber nicht geäußert werden durften. Verbissen in Demut und Konstanz ging es dann in die dritte Liga zurück, dorthin, wo alles begonnen hat.

Ich bin wahnsinnig wütend. Ich halte diesen Abstieg für fatal und gefährlich, weil ich die dritte Liga für fatal und gefährlich halte: Die Gelder fehlen, das sportliche Niveau aber nicht. Der Etat schrumpft von 40 auf 15 Millionen. Keine Fernsehgelder, weniger Ticketverkäufe. Die zweite Mannschaft muss in die Oberliga. A- und B-Junioren sind nach Auszeichnung und DFB-Pokal sportlich abgestiegen. Der Verein macht einen derart dilettantischen Eindruck, das jeder Fan sich fragt, welches katastrophale Detail er wann verpasst hat, das diese Situation erklären könnte.

Der Druck, vor dem sich die Verantwortlichen so scheuten, ist jetzt nicht mehr zu leugnen: Wir müssen wieder hoch. Das muss unser Anspruch sein. Wir werden als Favorit in die meisten Drittligapartien gehen. Und ich hoffe, dass sich ein Stolz auf diesen Verein entwickelt, der in den letzten Monaten unter der Ehrfurcht vor dem Gegner und den schlechten Zeiten mehr und mehr eingeschlafen ist.

Bussi, unser Zeugwart, schrieb nach dem Abstieg bei facebook: „Keiner ist größer als der Verein. Das steht in unserer Kabine. Lasst uns gemeinsam die GRÖSSTEN sein. In Eintracht Für Eintracht.“ Und genau das soll wieder ins Stadion einkehren: Wir sind der Verein. Fans, Mitarbeiter, Mannschaft. Wir sollten das Besondere sein, für das Blau und Gelb stehen. Wir sind Eintracht, müssen es wieder werden.

Aktuell habe ich absolut keine Lust auf die kommende Saison. Da ist weder Trainer noch Team. Der Neuanfang ist noch nicht eingeläutet, seit über eine Woche Stunde null. Das ist hier niemand gewohnt, das sorgt für Unruhe. Der Verein muss mutiger werden, in jeder Hinsicht. Mit einem „weiter so“ steuern wir auf eine wirtschaftlich unsichere, halbprofessionelle Austauschbarkeit hin, die in ihrer Beliebigkeit vielleicht niemandem wehtut, aber den Fans auch nichts bietet, auf das sie sich verlassen und freuen können.

Wir müssen die Party zurück nach Braunschweig holen. Dann kommt der Fußballgott auch wieder öfter vorbei.

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