Liebe in Zeiten des Internets

2005 lief auf Sat 1 „Verliebt in Berlin“. Ich war 14 und großer Fan. Dieses Fantum habe ich in unterschiedlichen Foren ausgelebt: Der Austausch über die Darsteller, die Musik und FanFictions habe ich auch geschrieben. In dem Forum, in dem ich am aktivsten gewesen bin, wurde über ein Fantreffen in Berlin nachgedacht: Autogrammjagd und gemeinsames Kaffeetrinken. Ich hatte überlegt, dahin zu fahren, obwohl mir so ganz geheuer bei diesem Plan nicht gewesen ist. Ich tauschte mit einem anderen Mädchen ICQ-Nummer aus.

Wir sind nie zu einem Fantreffen nach Berlin gefahren, sondern haben uns ein Jahr später das erste Mal in Herford getroffen, haben dort zwischen Tür und Angel auf einer Treppe gesessen und Fotos voneinander gemacht. Heute ist sie eine Person, die eine beruhigende Konstante im Hintergrund ist. Eine Freundin, die mich auf einem Weg kennengelernt hat, der unglaublich private Abschnitte enthält. Wir haben uns nicht oft gesehen. Aber die stunden- bis tatsächlich tagelangen Telefonate (Meine Eltern haben mir irgendwann einen eigenen Telefonanschluss gelegt) sind fest in der Erinnerung an mein Teenagerdasein verankert. In einem Alter, in dem vieles schwierig ist, waren diese Gespräche so erleichternd einfach. Sie wusste mehr als jeder andere Mensch. Ich habe diese Sicherheit genossen, die mir die Trennung unserer Lebenswelten gab. Es war so ungefährlich.

Allein wegen der räumlichen Distanz hätten wir ohne das Internet nie zueinander gefunden. Doch auch ohne die Kilometer, die uns nach wie vor trennen, haben unsere Biographien und Leben nicht viele Gemeinsamkeiten. Daraus folgt fast logisch, dass bestimmte Charakterzüge nicht ähneln: Ich bin zum Beispiel nicht besonders zielstrebig oder ehrgeizig und musste lernen zu verstehen, welchen Stellenwert bestimmte Dinge im Leben der anderen haben. Ich glaube, das ist mir mittlerweile gelungen.

Die Verbindung, die ich zu dieser Frau habe, lässt sich vielleicht am besten mit der berühmten gemeinsamen Wellenlänge beschreiben, auf der wir schwimmen, obwohl wir auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben mögen. Mein Vertrauen und Zuneigung ist ungebrochen groß und ich wenn mir das einfällt, weil ich ein Lied höre, das mich an sie erinnert, dann feiere ich „Verliebt in Berlin“ und das Internet.

Mittlerweile habe ich einige Menschen in meinem Umfeld, die „aus dem Internet kommen“. Den meisten von ihnen wäre ich im echten Leben nie über den Weg gelaufen und wenn, wäre wahrscheinlich kein Kontakt zustande gekommen, der mit dem jetzigen vergleichbar wäre. Der Schutzraum des Netzes bringt Menschen dazu, sich von einer Seite zu zeigen, die sie außerhalb dessen lieber unter Verschluss halten. Smalltalk ist überflüssig. Accounts, die einem nicht belieben, können ignoriert oder geblockt werden.

Ein wahres Ich ist auch auf Twitter nicht zu finden. Beschönigungen, Extreme, Eitelkeiten und Pointen. Das gehört zum Spiel. Die Leser müssen nehmen, was zu lesen ist: Aussehen, Beruf, Alter, Wohnort, Herkunft, Kontostand, Familienstand. Vielleicht gibt es diese Informationen, vielleicht in Teilen, vielleicht nicht. Losgelöst von den meisten dieser Äußerlichkeiten formt sich langsamer als im direkten Kontakt ein erster Eindruck eines Profils, Accounts, eines Menschen. Und ohne dass man sich je in die Augen geschaut hätte, beginnt ein Austausch über den Alltag, Wünsche, Ängste und Hoffnungen. Intensivere Gespräche als so mancher mit seinen KollegInnen in 20 Jahren Amtszeit geführt hat. Der gleiche Job, die gleichen Hobbies, das gleiche Einkommen, der gleiche Wohnort, nur nicht die gleiche Wellenlänge.

Ich freue mich über das Internet, denn es hat mich am vergangenen Wochenende mit Menschen zusammengebracht, die ich mag. Als ich vor zwei Jahren nach Hamburg fuhr, um Leuten zu begegnen, die twittern, hätte ich nicht gedacht, dass das einen derartigen Effekt auf mein Leben haben würde. Ich bin sehr froh darüber! Vielen Dank, Internet!

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