Vom Vögeln und Fischen

Im März 2016 kam ich nach Sylt – ein Schritt, mit dem sich mein Leben ziemlich radikal geändert hat. Eigentlich wollte ich nur für 7 Monate bleiben. Jetzt, 2 Jahre später, bin ich immer noch hier. Weil sich dieses veränderte Leben so gut anfühlt. Weil es so zu mir passt.

Bis zu meinem Weggang habe ich in Leipzig studiert, Übersetzungswisenschaften und Germanistik. Ich habe das akademische Leben geliebt, einige Abschlüsse vorzuweisen. Heute kam ein weiterer dazu: der Fischerei-Schein. Ein Abschluss, der in mein vorheriges Leben nicht so recht zu passen scheint. In mein jetziges dafür umso mehr.

Als ich damals hier ankam, ging ich davon aus, Wattwanderungen und Vogelführungen zu machen. Vor Letzterem hatte ich ein bisschen Bammel, denn mit Vögeln kannte ich mich so gar nicht aus. (Schriftlich ist dieser Satz übrigens eindeutig, aber ich habe ihn auch oft Touristen gegenüber ausgesprochen und dann musste ich mich jedes Mal beherrschen, nicht loszukichern. Es hat nicht immer geklappt.) Was ich aber erst erfuhr, als ich schon hier und es für einen Rückzieher zu spät war: Auch Vogelzählungen und die Brutvogelkartierung sollten zu meinen Aufgaben gehören. Uff! Bis dahin war ich froh, wenn ich Amselmännchen von Amselweibchen unterscheiden konnte, auf einmal sollte ich die mir fremden Watvögel nicht nur (er)kennen lernen, sondern sie zählen, Brutverhalten erkennen und Brutpaare in einer Karte eintragen. Doppeluff!

Es folgte ein Einführungsseminar – und mein bisher schönster Sommer inmitten all der Gänse und Möwen und Watvögel. Sie zu lernen, fiel mir nicht schwer, immerhin lebte ich unter ihnen. Irgendwann konnte ich sie sogar an ihrem Ruf erkennen. Die Brutvogelkartierung, vor der ich anfangs die größte Angst hatte, stieg zu meiner Lieblingsaufgabe auf, denn sie war so viel persönlicher als die stupide Zählung. Über Wochen zog ich regelmäßig durch mein Gebiet, beobachtete erst Balz, dann Brut, in – leider – seltenen Fällen am Ende dann Küken und Aufwachsen der Jungtiere.

Ein Sommer reichte nicht, ich kam wieder, die Brutvogelkartierung wurde in meinem zweiten Jahr noch persönlicher, denn nun wusste ich, wer sitzt wo, wann kommen sie an, ich wartete auf bestimmte Brutvogelpaare an bestimmten Plätzen – und sie kamen tatsächlich wieder. Das war toll!

Die Vogelzählungen verkamen leider zu einem stupiden Abrennen des Deiches. Es wird bei Hochwasser gezählt, damit sich die zu zählenden Vögel nicht über die freiliegende Wattfläche verteilen. Ich hatte also 3 Stunden Zeit für 6 km Deich, Wasser auf der einen Seite, die Felder auf der anderen Seite, das war kaum zu schaffen. Entspannter und interessanter waren da die Gänsezählungen. Wurden bei einer normalen Springtidenzählung (STZ) alle Watvögel inklusive der Gänse gezählt, waren es bei der Gänsezählung (GZ), ihr werdet es schon erraten haben, nur die Gänse. Gleiche Länge des Deiches, gleiche Zeit, aber weniger Vögel – da blieb viel Raum für Beobachtungen abseits der Zählung. Da die GZ immer morgens stattfinden, konnte ich den Tieren quasi beim Aufwachen zuschauen. Rehe, Kaninchen, klar, aber ein Mal sah ich einen Fuchs, der offenbar eine Maus jagte. Das kannte ich bisher nur aus Naturdokus, auf einmal passierte es vor meiner eigenen Linse. Ein Sprung mit allen 4 Pfoten – Erfolg!

Da das Wort „vögeln“ bereits anderweitig besetzt ist, gibt es für das Beobachten von Vögeln übrigens den Begriff „birden“.

 

Ein paar lustige und/oder interessante Fakten zu Vögeln:

Der Austernfischer kann gar keine Austern knacken, weder die ausgestorbenen heimischen Europäischen Austern, noch die mittlerweile eingeschleppten Pazifischen Felsenaustern. Trotzdem ist sein langer spitzer Schnabel perfekt für das Knacken von Muscheln geeignet: entweder hämmert er die Muscheln damit auf oder nutzt den Schnabel als Hebel. Der Austernfischer wird wegen seiner Färbung auch Hallig Storch genannt.

Der Säbelschnäbler hat im Gegensatz zu vielen anderen Watvögeln keinen geraden oder nach unten gebogenen Schnabel, der es den Vögeln erlaubt, im Watt nach Muscheln oder Würmern zu picken, sondern einen nach oben gebogenen. Damit kann er das Wasser nach Nahrung durchseihen. Seine Küken haben blaue Beine.

Die Brandgans oder Brandente gehört zu den Gänsen – oder doch zu den Enten? Sie vereint Eigenschaften beider Arten. So sehen Männchen und Weibchen fast gleich aus, wie es bei den Gänsen der Fall ist, nur ein Höcker am Schnabel des Männchens unterscheidet beide Geschlechter. Dafür bilden sie Kindergärten mit Jungtieren verschiedener Mütter, wie es die Enten tun. Besonders clever ist ihr Brutverhalten: Sie brüten in Erdhöhlen, oftmals im bewohnten Bau des Fuchses, der zur Aufzucht seiner eigenen Jungen eine Beißsperre innerhalb seines Baus hat.

Da Wattwanderungen stattfinden, wenn kein Wasser da ist – wer hätt’s gedacht? -, hatte ich mit Fischen bisher eher weniger zu tun. Da ich mittlerweile aber leider nicht mehr im Bauwagen in Morsum bin, sondern eine Anstellung im Erlebniszentrum Naturgewalten habe (verzeiht mir die Werbung) und dort Austernwanderungen durchführen soll, musste ich den Fischerei-Schein machen. Denn lebendige Muscheln einem Gewässer zu entnehmen zum Zwecke des Verzehrs fällt unter das Fischereigesetz.

Die letzten beiden Wochenenden lernte ich also alles über Allgemeine Fischkunde, Spezielle Fischkunde (65 Fischarten!), Gerätekunde, Gewässerkunde, Tier- und Naturschutz sowie Gesetzeskunde. Am 10. Juni fand die Prüfung statt, ich bestand und darf jetzt angeln. Dabei will ich doch nur Austern für (neu)gierige Touristen knacken!

 

Ein paar lustige und/oder interessante Fakten zu Fischen:

Der Hornhecht hat grüne Knochen.

Der Stint riecht nach Salatgurken.

Die Neunaugen haben gar keine neun Augen, dafür 7 Kiemenlöcher auf jeder Seite + 1 Nasenloch + 1 Auge.

Bitterlinge legen ihre Eier über eine Legeröhre in Großmuscheln ab.

Die Stichlingsmännchen bauen ein Nest, in das sie dann mehrere Weibchen zur Eiablage einladen.

Die Stacheln am Körper des Petermännchens enthalten Gift. Das Gift selbst ist nicht tödlich, verursacht aber so extreme Schmerzen, dass der Kreislauf zusammenbricht und Menschen, die mit dem Fisch in Berührung kommen, letztendlich daran sterben (können). Schnelle Hilfe ist gefragt, am besten mit Hitze. Heißes Wasser über die betroffene Stelle kippen oder direkt das Feuerzeug dranhalten – eventuelle Brandblasen sind das geringere Problem. Petermännchen kommen bei der momentanen Wärme gern in Küstengebiete und stellen eine reale Gefahr dar.

Die Aalmutter ist gar nicht die Mutter aller Aale. Da das Fortpflanzungsverhalten der Aale lange Zeit ungeklärt war und es größtenteils bis heute ist und wegen der langgestreckten Form des Fisches kam es aber zu dieser Benennung.

Der Schlammpeitzger hat nicht nur einen witzigen Namen, es kommt noch besser: Er verfügt über Darmatmung – wie praktisch das beim Schnorcheln wäre!

 

Manchmal kann ich noch gar nicht richtig fassen, wie sich die letzten beiden Jahre für mich entwickelt haben. Aber ich finde es schön.

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