Vogelfrei

Nachdem ich letzten Mittwoch den wunderbaren Beitrag „Mach!“ von Gerhard gelesen hatte, rief ich bei einem Vermieter für Wohnwagen an und buchte einen Aufenthalt für meine Katze und mich.

Doch der Reihe nach.

Im März 2016 kam ich auf die Insel. Ich hatte viel studiert, dadurch die Regelstudienzeit überschritten, daher viel gearbeitet. Insgesamt war es mir zuviel geworden. Ich musste raus. Ein Bauwagen irgendwo im Nirgendwo erschien mir wie die perfekte Lösung. „Aber da ist man doch ganz alleine!“, wird mir oft entgegnet, wenn ich davon erzähle. Genau. Das war genau das, was ich wollte.

Im April also zogen meine Katze und ich in den Bauwagen. 10qm für uns beide. Was als vorübergehender Ausstieg geplant war, stellte sich als mein Lebensprinzip heraus. Mein Glücksprinzip.

In meinem Bewerbungsschreiben hatte ich mich noch vor dem esoterisch angehauchten Wort „Selbstfindung“ gegruselt, doch genau das war es. Ich fand zu mir selbst. Ich fand mich selbst. Nur von Feldern und Gänsen umgeben, die nächste Einkaufsmöglichkeit 11km entfernt, mit spartanischer Einrichtung, Dusche über den Hof wurde ich glücklich. Noch heute schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht, wenn ich an meine Lampe denke, die flackerte, sobald ich den Wasserkocher einschaltete. Die Wölkchen vor meinem Mund, wenn ich im April und Oktober bei geöffnetem Fenster kochen und essen musste, weil sonst alles beschlug. Kuchen aus dem Kühlschrank und Pfannenpizza, weil ich keinen Ofen hatte. Der prasselnde Regen auf dem Dach, das Schaukeln des Wagens im Wind. Das Stück Himmel, das ich durch die geschlossene Tür sehen konnte. Mein Leben, das sich nach Ebbe und Flut richtete. Das immerwährende Mähen der Schafe, das Schnattern der Gänse. Die Gespräche mit den Rindern. Die Katze, die der nächtlichen Kälte wegen unter meine Decke kroch und in meinem Arm schlief. All das wurde zu meiner Definition von Glück.

Nach 7 Monaten war diese Zeit vorbei. Doch ich hatte mich bereits lange vorher entscheiden, zurückzukehren. Noch eine Saison dranzuhängen. Über den Winter zog ich in eine Wohnung. Die Katze und ich hatten Eingewöhnungsprobleme. Ich rannte in Shirt und Unterwäsche raus in den Garten, um ihr Gras zu pflücken – wie ich es im Bauwagen getan hatte, ohne groß nachzudenken. Sie rannte mir weinend durch die Wohnung hinterher, weil ich – im Gegensatz zum Bauwagen – auf einmal wieder verloren gehen konnte in all den Räumen.

Im April 2017 ging es zurück in den Bauwagen. In meinen Bauwagen. Natürlich wurde es anders als beim ersten Mal. Wenn man etwas Tolles das erste Mal erlebt, ist es immer überwältigend. Dieses Mal wusste ich, worauf ich mich einließ. Dafür fühlte sich alles so vertraut an. Wir waren heimgekehrt. Auch die Arbeit – Wattwanderungen, Vogelführungen, Vogelzählungen, Brutvogelkartierung – fühlte sich vertraut an. Ich wusste, welcher Vogel wo saß. Ich konnte die Zahlen mit den Zahlen des letzten Jahres vergleichen. 2017 hatte ich ca. 1000 Nonnengänse mehr als 2016. Bei der Brutvogelkartierung erwartete ich bestimmte Vögel an bestimmten Stellen – und sie kamen.

Eine dritte Saison war aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Noch im Januar rief ich tränenüberströmt bei meinem Chef an und flehte ihn an, mich in meinen Wagen zurückkehren zu lassen. Doch man darf nur 18 Monate BFD in 5 Jahren leisten – und ich hatte 14 weg. Seit beinahe einem Jahr wohnen wir nunmehr in einer Wohnung. Die Wohnung ist schön. Gut gelegen. Gut geschnitten. Eine tolle Sicht über die Dächer der Stadt. Doch sie macht mich nicht glücklich. Seit einigen Wochen spüre ich so eine innere Unruhe, eine Rastlosigkeit. Das Prinzip Wohnung, 4 feste Wände, Nachbarn, mehr drinnen als draußen, das ist nichts für mich. Ich sehne mich nach meinem Wagen zurück. Mehr draußen als drinnen. Mein Raum. Meine Freiheit.

Ein eigener Bauwagen wird wegen diverser komplizierter baurechtlicher Bestimmungen schwierig. Außerdem ist er immobil, ich möchte aber gern etwas von der Welt sehen. Rumreisen. Ungebunden sein. Mit einer Freundin, die 2 Jahre vor mir in dem zweiten Bauwagen der Insel gelebt hat und sich dieses Leben nicht nur theoretisch vorstellen kann, sondern es echt gelebt hat, kann ich viel über meine Sehnsucht und meine Träume sprechen. Und so entstand mein Plan.

Ich werde mir ein Wohnmobil zulegen und den Führerschein machen. Ich werde die Wohnung aufgeben und in dem Wohnmobil auf einem der Campingplätze der Insel leben. Wenn es mich packt, kann ich mit Sack und Pack und Katze davonfahren und einen Tag und eine Nacht woanders verbringen. Ich arbeite in List – wenn ich Lust habe, kann ich die Nacht auf der dänischen Insel Rømø verbringen, morgens mit der Fähre zurückfahren und arbeiten gehen. Im Winter, wenn die Insel weniger stark frequentiert ist und ich entsprechend weniger Arbeit habe, können die Katze und ich die Welt entdecken. Und unser Haus nehmen wir einfach mit.

Noch ist das nur ein Traum.

Aber nachdem ich letzten Mittwoch den wunderbaren Beitrag „Mach!“ von Gerhard gelesen hatte, rief ich bei einem Vermieter für Wohnwagen an und buchte einen Aufenthalt für mich und meine Katze.

10 Tage im September auf einem Campingplatz.

Zur Probe.

Denn ein Campingplatz ist etwas ganz anderes als die Abgeschiedenheit am Deich.

Seit ich diesen Testaufenthalt gebucht habe, bin ich sehr glücklich.

Mal sehen, wie es mit meinem Traum weitergeht.

2 Kommentare

  1. Finde ich gut, dass Du „machst“ – sollte man sich viel öfter trauen. Ich wünsche Dir, dass Du den richtigen Weg für Dich und die Katze findest. Hab eine gute Zeit!

    Liebe Grüße,
    Mona

    1. Liebe Mona,

      vielen Dank!

      Ein guter Freund meinte kürzlich, ich sei jemand, der einfach macht. Das scheint mir in letzter Zeit etwas abhanden gekommen zu sein.
      Umso schöner fühlt es sich jetzt an, wieder einfach loszulegen.

      Lieb Grüße
      Mandy

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