Sex und Netflix und Essen und Kunst

Ich habe heute eine Gruppe von 30 Personen durch eine Ausstellung geführt, die sich dem Tier in der Karikatur widmet: Ein rotgestreifter Kater neben einem rauchenden Affen neben einem Hahn mit Napoleonkopf. Die Leute haben gelacht, mir zugehört, sind an die Rahmen herangetreten und haben sich die Grafiken aus der Nähe angesehen. Nach der Führung ein kleiner Applaus und entspannte Gesichter, die sich endlich zum Gespräch einander zuwenden konnten.

Ich hatte mal einen Freund, der sich gern über die Sinnlosigkeit von Haustieren ausließ. Er hat seinen Weg in die Kunst gefunden und ist damit interessanterweise in einem Metier gelandet, über dessen Sinnhaftigkeit gerade im Zusammenhang mit Finanzierungsmöglichkeiten immer wieder eifrig diskutiert wird. Es ist interessant, dass bei fehlendem Verständnis gern diese Sinnfrage gestellt wird: Wozu soll das gut sein, dass man das macht? Wo führt das hin und warum soll ich dafür Geld ausgeben?

Freilich taucht die Frage auch in wohlgesonnenen Köpfen auf, die intuitiven Antworten wie „Es ist eben schön.“ offen gegenüber sind. Es ist so wahnsinnig banal, so herrlich einfach: Weil es eben schön ist. Die meisten von uns tun Dinge aus genau diesem Grund: Sex, zum Beispiel. Oder Netflix gucken. Oder essen, obwohl wir keinen Hunger haben: Es schmeckt halt.

Museen, Schauspiel und Oper sind nichts anderes als Netflix, Kino und Konzerte. Im Kern steckt eine Idee, die in kreative Hände gerät und schließlich künstlerisch umgesetzt wird. Geschichten, Farben und Klänge, die Emotionen wecken und uns berühren. Irgendwie. Kunst ist so herrlich subjektiv und damit fantastisch ehrlich in einer Welt, die mehr und mehr nach dem Objektiven strebt.

Falsch – richtig. 1 – 0. Erster – nicht Erster. Gewinnen – Verlieren. Werte, Berechnungen, Statistiken, Prognosen und Zahlen, Zahlen, Zahlen. Diese Datenflut trifft auf eine Meinungswut, die einen ruhigen Umgang mit all der Objektivität beinah unmöglich machen. Es wird erklärt und zu Konsequenzen aufgerufen, es wird überlegt, woher etwas kam und wohin es wohl geht.

Kunst wird subjektiv produziert und subjektiv rezipiert. Sie bleibt in einer nach Klarheit und Objektivität strebenden Welt eigen, streitbar und geschmacksabhängig. Ein Kunstwerk, das veröffentlich wurde, wird nicht mehr verändert: Die Skulptur ist fertig, die Premiere über die Bühne gebracht und der letzte Strich gezogen. Sie ist absolut und trotzdem nie fertig, endgültig nie perfekt.

Eine einzelne Perspektive einer einzelnen Person, die sie mittels ihrer Kunst einem Publikum zugänglich macht. Diese Kunst steht dazwischen, vermittelnd, ein Medium: Worin unterscheiden sich die Blickwinkel und an welchen Stellen überschneiden sie sich?

Künstler und Künstlerinnen, die es schaffen, ihre Eitelkeit zurück zu stellen hinter der Geschichte, die sie erzählen, hinter dem Objekt, das sie zeigen möchten, schaffen großartige Augenblicke, in denen sich Menschen dieser Kunst widmen und sich wundern, freuen, staunen oder ärgern. Reibung und Erinnerung.

Kunst fordert Aushaltevermögen, Verständnis und Geduld. Sie ist unbequem und wunderbar und viel weniger beeinflussbar, als all die Zahlen in den Zeitungen. Sie ist einfach da und wartet auf das Urteil ihres Betrachters und sie bleibt, egal, wie es ausfällt. Sie bleibt einfach da und kann aushalten, nicht gut gefunden, nicht akzeptiert zu werden. So stoisch ist dieser Tage kaum etwas mehr.

Kunst eröffnet ihren Betrachtern die unterschiedlichen Zugänge zur Welt. Natürlich bleibt diese Welt in ihrem Kern immer die gleiche, aber es kann erhellend sein, sie aus einer ungewohnten Warte aus zu betrachten. Oder verstörend. Oder ärgerlich. Oder traurig. Oder eben einfach schön. Dieser Moment von ästhetischem Genuss kann sich überall einstellen: Bei dem Blick auf ein Graffito, oder ein Foto im Familienalbum, vor einer Gruppe Straßenmusikanten, im Kino, vor einem Büschel wilder Blumen oder auch in diesem kleinen Museum in Hannover, in dem ich heute gewesen bin. Ich habe ein paar der Menschen zum Lachen und ein paar zum Staunen gebracht. Fröhlich denkend ist mir des Menschen liebster Zustand.

2 Kommentare

  1. Ich selbst tue mich auch oftmals schwer mit Kunst, aber ich akzeptiere sie aus den von dir geschilderten Gründen. Andere können etwas damit anfangen und finden es toll, mich berühren andere Dinge.

    Der andere von dir beschriebene Punkt der Objektivierung des Alltags sehe ich auch in meinem Beruf. Immer mehr muss messbar sein, durch KPI nachvollziehbar und Ergebnisse somit greifbar werden. Vor allem in kreativ-künstlerischen Bereichen halte ich das jedoch für schwierig. Aber die Digitalisierung drängt das weniger Fassbare immer stärker in den Hintergrund. Gehen wir da noch einen Schritt weiter, ist auch der VAR im Fußball der Versuch, nur noch in Ja und Nein, Richtig und Falsch, 1 und 0 zu unterteilen. Dass das jedoch nicht immer funktioniert, ist ja auch ganz schön zu sehen. Aber vermutlich schweife ich damit zu sehr von deinem Ausgangspunkt ab…;-)

  2. Problematisch wird es, wenn Politik über Kunst befindet.
    In München ist ein veritabler Streit vom Zaun gebrochen worden, weil der Stadtrats-CSU das Programm des Kammerspiele-Intendanten nicht passt. Vorgeschoben wird eine zurückgegangene Auslastung.. Da eine Vertragsverlängerung ohne die Stimmen der CSU nicht möglich ist, endet die INtendanz nun nach fünf Jahren.

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