Beziehungskiller Meditation

Nach Weihnachten habe ich traditionell zwei Wochen frei. Ich pflege dann herumzuliegen, zu essen und auf Bildschirme zu starren. So auch Anfang dieses Jahres: Ich scrollte durch Instagram in freudiger Erwartung des nächsten Fotouploads meiner gänzlich durchgestalkten Kontakte und stieß dabei auf einen orangenen Punkt. Heller Untergrund, darauf dieser Punkt, der langsam an Volumen gewann. Darunter stand ganz einfach: „Breathe.“

Wirksame Werbung, Gratulation! Ich installierte mir eine Mediations-App und startete voller Eifer: zwei Mal 20 Minuten pro Tag. Wer sich schon mal vorgenommen hat, so regelmäßig Sport zu treiben, ahnt, wie viel das ist.
Am Ende meiner zwei freien Weihnachtswochen standen für mich zwei einschneidende Dinge fest: Ich wusste, dass ich sowohl in meinem Job als auch in meiner Beziehung nicht zufrieden war.

Nun möchte der kritische Leser vielleicht stirnrunzelnd anmerken, dass man das auch ohne die Installation eines orangenen Punktes wissen sollte. Wahrscheinlich sollte man das, ja. Aber tut man das auch?

Was passiert während einer Meditation?

Du sitzt und atmest. Äußerlich passiert erstmal nicht mehr. Das kannst du freilich auch ohne App tun, aber gerade zum Einstieg sind geleitete Mediationen wesentlich angenehmer, weil du wenigstens ab und an etwas hast, auf das du deine Konzentration lenken kannst. Drei Minuten zum Einstieg. Und „to sit in silence“, wie die App es so schön formuliert, „is one oft the hardest lessons.“ Drei Minuten: Ewigkeit.

Ist das nicht langweilig?

Nein, das finde ich nicht. Es geht bei der Meditation um die ideale Balance zwischen Entspannung und Konzentration. Die Konzentration liegt auf deiner Atmung. Das kannst du trainieren, indem du dir jeweils „In“ bzw. „Out“ zum jeweiligen Atemzug denkst. Die Schwierigkeit: Deine Gedanken werden abschweifen. Zum Alltag. Zu Problemen. Zu Empfindungen wie Schmerz oder Unbehagen. Es gilt, dich beim Abschweifen zu ertappen und die Konzentration sanft zurück zur Atmung zu führen.

Ja schon, aber ist das nicht langweilig?

Nein. Mit ein bisschen Geduld wird es dir gelingen, dich beim Denken zu beobachten und das ist schon eine enorm spannende Sache. Welche Assoziationen werden hergestellt? Welche Gedanken lösen bestimmte Gefühle aus?

Moment – Ging es nicht gerade um Gedanken?

In der Tat. Gefühle und Gedanken sind unheimlich (im Sinne von: gruselig) eng miteinander verwoben. Menschen, die mit Phobien zu kämpfen haben, kann diese Technik bspw. enorm helfen: Sie begreifen allmählich, dass ihnen ihre eigenen Gedanken Angst machen. Wenn sie lernen, die Gedanken zu kontrollieren, werden sie lernen, ihre Angst zu regulieren.

In meinem Fall gilt: Ich habe mit wachsender Ruhe bei der Beobachtung meiner Gedanken gesehen, wie bestimmte Gefühle ganz konkret an gewisse Gedankenspiele gebunden waren. Und welche negativen Emotionen mit welchen Ideen Hand in Hand gingen. Es fiel mir daran anknüpfend plötzlich erschreckend leicht, konkrete Bedürfnisse an meine Situation zu formulieren.

Ich will weder Kündigung noch Trennung – Warum sollte ich meditieren?

Allein zehn fast reizlose Minuten am Tag können nicht ungesund sein. Wir tun ständig Dinge, längst nicht jedes davon bewusst. Eine der ersten Übungen, die mir die App mit auf den Weg gegeben hat: Dreimal am Tag bewusst aufstehen. Vom Sitzen in den Stand. Ein ganz normaler Bewegungsablauf, der unseren ganzen Körper beansprucht. Die Abfolge läuft völlig automatisiert – es ist mir nicht einmal gelungen, auf die drei Mal zu kommen. Gedanken, Handlungen, Gespräche kurz unterbrechen zu können, weil dieser Blick von außen schärfer wird, ist ein überragendes Gefühl, der nach und nach für emotionale Souveränität im Alltag sorgen kann.

Das kann unter anderem auch heißen: Weniger gestresst fühlen, besser schlafen können.

Was ich besonders angenehm fand, war, dass meine Konzentrationsfähigkeit wieder gestiegen ist. Nicht, weil meine Gedanken nicht mehr abgeschweift sind, sondern weil ich rechtzeitig festgestellt habe, dass ich statt an meinen Text an den nächsten Einkauf gedacht habe. Gedanken lenken, Fokus finden und halten. Eine großartige Sache!

Ich kann jedem nur ans Herz legen, sich die paar Minuten zu nehmen, um durchzuatmen. Die paar Atemzüge mit App haben mich mutig genug gemacht, um meinen Teil dazu beizutragen, 2018 zu einem aufregenden, ziemlich guten Jahr werden zu lassen.

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