Radikal eingelullt

Mein Name ist Mandy und ich komme aus Sachsen.

Weder das eine noch das andere machen mich zum Nazi. Radikalisiert hat Sachsen mich dennoch. Wenn auch genau in die andere Richtung.

Fremdenfeindlichkeit oder Nationalismus waren für mich nie ein Thema. Die erste Berührung mit Deutschtümelei machte ich in der Grundschule, als der Vater einer Freundin sich beschwerte, dass die Leute im Italien-Urlaub kein Deutsch sprachen und es kein deutsches Essen gab. Ich fand das unglaublich dumm und ignorant.

Ignorant war aber auch ich in gewisser Weise, denn ich begann erst ziemlich spät, mich mit Dresdener Geschichte und deren Auswirkungen bis heute zu beschäftigen. Ich meine die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945. Diese Tage werden bis heute von Nazis missbraucht. Sie veranstalten Trauermärsche – na, klingelt’s da? – und beklagen den „Schuldkult“, den man doch langsam mal hinter sich lassen müsse, denn die heutige Generation könne doch nichts für damalige Geschehnisse, bla bla.

Vielleicht nicht, aber es ist die Verantwortung der heutigen Generation, damalige Geschehnisse nicht wieder zuzulassen. Gemeinsam mit meiner Mutter ging ich also erst zu friedlichen Gedenkveranstaltungen rings um die Frauenkirche, später auch zu Demonstrationen gegen nazistische „Trauermärsche“. Bis auf kleinere Blockaden oder Wettrennen mit der Polizei blieb es – da, wo wir uns beteiligten – allerdings immer friedlich.

Dann gründete sich im Oktober 2014 Pegida. Ich war mittlerweile wegen des Studiums nach Leipzig gezogen, bekam die Entwicklung nur am Rande mit und nahm sie nicht so ganz für voll. Das erging wohl vielen so, denn relativ unbeachtet konnte Pegida sich entwickeln und immer mehr Leute anziehen – anfangs ohne nennenswerten Gegenprotest.

Im Januar 2015 kam es zur ersten Demonstration des Leipziger Pegida-Ablegers Legida. 35.000 Menschen stellten sich dieser Demonstration entgegen, Geschäfte schlossen eher, in den Wohnungen des betroffenen Viertels wurden die Lichter ausgeschaltet, aus vielen Fenstern erklang die Ode an die Freude. Allerdings hatte Leipzig den Vorteil, aus Dresden gelernt zu haben. Außerdem ist die Studentenstadt Leipzig wohl insgesamt radikaler als das eher konservative Dresden.

Ich kann nicht mehr sagen, auf wie vielen Gegendemonstrationen ich 2015 war. Es gab die anfangs wöchentlichen, später, im Sommer, Schreber- und Biergartenzeit, nur noch monatlichen Montagsdemonstrationen, es gab von der Kirche aus organisierte Demonstrationen am Mittwoch, es gab Aufrufe, den Gegenprotest in Dresden zu unterstützen. Um die 30 Demos werden es gewesen sein, an denen ich teilnahm. Und gleichermaßen, wie Legida radikaler war als Pegida, war auch der Gegenprotest radikaler als der in Dresden.

Um auch etwas wirklich Konstruktives zu tun, ging ich ein Mal pro Woche in die Sachspendenzentrale, um Kleidung zu sortieren, begann, Deutschunterricht zu geben, und besuchte einen Sprachabend, der Menschen unterschiedlicher Sprachen/Herkunft/Kultur zusammenbringen sollte.

Im März 2016 ging ich nach Sylt. Obwohl ich nur 7 Monate bleiben und dann nach Leipzig zurückkehren wollte, fühlte ich mich schlecht. Ich hatte das Gefühl, als würde ich sowohl den Gegenprotest als auch meine Schüler – einige von ihnen waren mittlerweile Freunde geworden – im Stich lassen.

Auch auf Sylt sind Flüchtlinge untergebracht. Auch auf Sylt gibt es den Bedarf nach Deutschunterricht.  Auch auf Sylt gibt es kulturelle Willkommensangebote. Was es nicht gibt, sind Demonstrationen, und darüber bin ich froh. Allerdings kann man in diesen quasi paradiesischen Zuständen vergessen, wie es im Rest Deutschlands aussieht.

Die Ereignisse in Chemnitz waren ein ziemlich schmerzhafter Weckruf.

Und so raffte ich mich am 5. September auf und fuhr nach Hamburg, um mich am Gegenprotest zur „Merkel muss weg“-Demo zu beteiligen. Mehr als 10.000 Gegendemonstranten standen 178 nationalistischen Hanseln gegenüber. Das ist schön. Und das ist wichtig. Und es hat sich gut angefühlt, mal wieder „etwas getan“ zu haben.

Aber das kann doch nicht alles sein? Geflüchtete dabei zu unterstützen, die Sprache zu lernen und sich zu integrieren, ist wichtig. Auf Demonstrationen zu zeigen, dass Nazis weder die Mehrheit, geschweige denn „das Volk“ sind, ist wichtig. Doch das Gedankengut verschwindet davon nicht. Es drängt immer mehr an die Oberfläche und wird immer ungenierter kundgetan. Und es mündet – wie zuletzt in Chemnitz – in immer abscheulichere Taten.

Dieses „gute Gefühl, etwas getan zu haben“ kann doch nicht alles sein?

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