Mit Anfassen und Zungenkuss. Und Sperma.

Da entscheiden sich also zwei Menschen, weil sie sich so sehr lieben, zumindest für den Versuch, den Rest des Lebens miteinander zu verbringen. Antrag, Ja-Sagen, Verloben, Ringe, Hochzeitsvorbereitungen, Termin beim Standesamt, dies, das, jenes. Hochromantisch. Love is in the air and all around. Oder so.

Und kurz vor dem finalen Jawort, der Trauung – ob nun standesamtlich oder kirchlich – überkommt es viele:

Die Tradition legt offenbar nahe, man (vor allem: Mann, wobei ich inzwischen auch viele Frauen dabei sehe – und das ist jetzt ambivalent, weil ich das als Zeichen fortschreitender Emanzipation ja fast positiv sehe, aber …) müsse noch einmal über die Stränge schlagen. Aber so richtig.

Schließlich erlebe man gerade die letzten Tage in Freiheit, bevor man in den Käfig, der da Ehe heißt, geschlossen wird. Sau rauslassen. Bevor nix mehr geht.

Mir will dazu einiges nicht in den Kopf.

Fangen wir mal bei der Motivation an: „Abschied vom JungesellInnenleben“. Das JunggessellInnenleben muss – natürlich mit leidendem Unterton – gefeiert werden. Ist es doch eigentlich viel besser. Also … jedenfalls scheint das die Motivation der Feierei.

Warum heiraten die Beteiligten eigentlich, wenn’s danach offenbar irgendwie so viel schlimmer wird? Der üble Verlust von Freiheit droht. Man sich einsperren lassen muss. Ändert sich mit Erhalt der Urkunde wirklich so viel zu Eurem Nachteil? Was sagt mir das eigentlich über das Verhältnis zu dem/der bald EhepartnerIn? Ist es gar so schrecklich?

Dazu kommt dann aber auch noch die scheinbar traditionell vorgeschriebene Art dieser „Feiern“.

Homogene Gruppen nur aus Männern (der Bräutigam hat schließlich ausschließlich Freunde) bzw. nur aus Frauen (die Braut hat schließlich ausschließlich Freundinnen). Das ist wichtig und kollossal naheliegend*.

Eines von zwei Zielen dieser Feiern scheint zudem zu sein, so schnell so betrunken zu sein, dass man sich danach an nichts mehr erinnert haben wird. Das kann ich zwar inhaltlich nachvollziehen, wenn ich mir diese Events so ansehe, aber … Hallo?

Das andere Ziel ist wohl, die Person, um die es hier geht (Braut, Bräutigam), möglichst lächerlich zu machen oder gleich richtig zu erniedrigen.

Männer werden zum Beispiel total gerne erniedrigt, indem sie in  Frauenkleider gesteckt werden. Merkt Ihr? Ja? Ja? Hahahaha. Weibisch eben. Vastehste? Vastehste!? Weil – klar – für Männer ist „Frau sein“ ja direkt ein Abstieg. Aktiv gelebter Sexismus. So. Lustig.

Aber ja, klar, Männer in Röcken hihihihi. Oder mit Plastikbrüsten. Noch lauteres hihihi. Ich frag mich ab und zu, wie sich Männer, die gerne Röcke tragen, dabei fühlen würden. Aber ich bin halt auch einfach zu sensi… empath… Dings. Ich soll mich bestimmt nicht so haben. Ist doch nur’n Witz.

Gerne genommen auch Eisenkugeln am Fußgelenk (natürlich aus Styropor oder so), um noch mal besonders subtil darauf hinzuweisen, dass der Gute ab morgen quasi keinen Spaß mehr haben wird. Im KERKER! Die arme Sau.

Natürlich alles total ironisch. Ich weiß schon. Welche Braut nimmt das schon ernst? Hey, wir sind hier alle nur lustig.

Frauen leiden bei ihren JGA zwar gefühlt etwas weniger, jedenfalls reicht hier zur Schmach oft schon ein Schleier. Aber so ganz leidfrei geht das ja auch nicht ab.

Beide Geschlechter dürfen dazu häufig irgendwas „verkaufen“. Besonders gerne was möglichst – tihihi –  Zweideutiges. Kondome. Schnaps, der „Sperma“ heißt. Oder auch „einmal anfassen“. Oder gleich ’nen Kuss für ’nen Euro.

Und weil – hihihi – sozialer Druck ja sowieso schon geil ist, machen das dann sehr sehr viele eben mit. Ich hab keine Umfrage unter JGA-Opfern gemacht und weiß nicht, wie viele der jeweiligen Junggesellen und Junggesellinnen heimlich gerade scheiße finden, was sie da tun. Welche Frauen und Männer unter ihren übergriffigen Freunden und übergriffigen Menschen auf der Straße leiden.

Denn: Einer Betrunkenen, die kaum noch laufen kann, für einen Euro unter dem Gejohle ihrer genauso betrunkenen Freundinnen die Zunge tief in den Hals stecken, ist nichts anderes als ein Übergriff. Ironie und ist ja lustig und whatever my ass.

Ehrlich: Warum finden Menschen das in dieser Form machenswert? Und was sind das für Freunde?

Will ich Freunde haben, deren scheinbar größter Spaß darin besteht, mich unter dem Deckmantel des „Jungesellenabschieds“ mal so richtig fertig zu machen? Mir noch mal all die Sprüche reinwürgen, meine Partnerin beleidigen, weil es ja „lustig“ ist?

Es spricht doch überhaupt nichts dagegen, vor der Hochzeit noch mal mit den eigenen Freunden was zu machen. Und Möglichkeiten gibt es ja nun wirklich genug, aber … so? SO?

* Wer jetzt meint, ich sei dann ja nur neidisch, weil meistens raus, weil ich aus irgendwelchen Gründen mehr Freundinnen als Freunde habe, liegt mit dem Zweiten zwar richtig, aber hat dennoch Unrecht.

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