Heimat ist irgendwie das Thema der Stunde. Spätestens, seit wir einen Heimathorst haben. Doch was ist dieses Heimat-Ding eigentlich? Was bedeutet es, was bedeutet es nicht? Fragen, die sich vermutlich jeder etwas unterschiedlich beantwortet.

Auch bei uns schaut das nicht anders aus. Vier Leute aus dem Norden, und doch vier verschiedene Sichtweisen auf das Thema Heimat. Mit Überschneidungen und Unterschieden. Mal groß, mal klein, aber immer eine individuelle Sichtweise. Denn genau das macht Heimat letztlich aus: Persönliche Perspektiven.

Den April nutzen wir kollektiv, um den Begriff für uns in Worte zu gießen und so ein wenig fassbar zu machen.

1. Curi0us - Im Norden geht die Heimat unter
2. MandyMatz - Heimat fern der Heimat
3. rosalaut - Das Dorf in der der Stadt
4. elbblick - Heimat ist.

Heimat ist.

Heimat ist damals™, als die Stunden noch ewig lang sind, besonders dann, wenn man auf etwas Schönes wartet. Wie sie sich ziehen, und dann plötzlich beschleunigen, wenn es dann soweit ist. Das tagelange Warten auf den Geburtstag, und viel zu wenig Zeit, mit den Geschenken zu spielen. Die unendlich lange Anreise an die Atlantikküste, und dann der Strandtag, der in nullkommanix vorbei ist. Die ewig langen Wartezeiten am Bahnhof, und die rasende Zeit, wenn man sich endlich in die Arme schließt.

Heimat ist Regen. Warmer Regen, kalter Regen, eisiger Regen. Nieselregen, Graupel, kurze und lange Schauer, Sommerregen auf der nackten Haut. Winterregen, der sich in die Kapuze frisst und im Gesicht beißt. Frühlingsregen, der die Regenbögen zum Schillern bringt, und Herbstregen, der die Melancholie daheim willkommen heißt.

Heimat ist das Typhon der Schiffe, die im Hafen begrüßt werden, und die den Hafen verlassen. Das Gekreische der Möwen, das Rauschen des Flusses. Das Gelächter der Kinder, die am Strand spielen, und der geschäftige Singsang des italienischen Eismanns, bei dem es leckeres Stracciatella-Eis gibt. Das Klingeln der Fahrräder, das Bellen der Hunde, das seichte Blubbern des bunten Treibens an der Promenade.

Heimat ist der Geruch des Sandes, des Meeres, der Berge. Der feine Hauch von Vanille, den der leichte Luftzug durch die Klasse trägt. Ein bisschen Tomate, ein wenig Speck, dazu der stärkeschwangere Duft der Pasta. Das Auto, mit dem man tausende Male gefahren ist, und das doch immer noch anders riecht als fremde Fahrzeuge. Das Chlor des Schwimmbads, in dem trainiert, gespielt und gewacht wird. Und der Zigarettenqualm in der Kneipe danach.

Heimat ist die Familie. Die Mitschüler, die Vereinskameraden. Die Truppe aus dem Training, die Tanzpartnerin, der ganze Tanzkreis. Das Fußballteam, und das Volleyballteam, und das Basketballteam. Der Bekanntenkreis, die Clique, der beste Freund, die besten Freundinnen. Die Lehrer und die Professoren, der Pizzabäcker und der Dönermann, die Bedienung in der Stammkneipe und die Bezugspersonen in der Erwachsenenwelt. Die Kollegen auf der Arbeit und die Leute aus der Kirche. Und Heimat ist die Liebe.

Heimat ist das Eis bei Venezia, der Croque Royal von der Croque Corner, die Pizza und der Döner. Dieser eine Burger, den man nie vergisst. Kimchi, Bibimbap und Bulgogi. Gemüse und Obst, Spinat und Grünkohl, Kartoffelsalat (mit Mayo) und lecker Berliner. Rosenkohl. Nein, Rosenkohl nicht.

Heimat ist die Straße, das Haus, die Wohnung und der Garten. Die Terrasse, der Balkon. Die Gegend, die so vertraut und doch schon wieder so weit weg ist. Das kleine Häuschen am Spielplatz, und der Baum, von dem der beste Freund abstürzte. Die Sandkiste, und der Baum auf der Wiese. Die kleine Sackgasse, und die verlassenen Häuser der Nachbarschaft. Die Liegefläche im blauen Bulli.

Heimat ist Zeit, Heimat ist Wetter, Heimat ist Lärm, und Heimat ist Geruch. Heimat sind Menschen, und Heimat ist Geschmack. Heimat ist ein Ort, und Heimat ist Geborgenheit. Heimat ist Erinnerung. Heimat ist nichts und alles. Heimat ist immer. Und Heimat ist vorbei.

Heimat ist nichts, was ich vergessen will. Heimat ist nichts, was ich jemals vergessen werde. Heimat ist, was mir keine Person nehmen kann, so sehr sie sich auch darum bemühen mag. Heimat bin ich.

Da kommt niemand ran. Schon gar kein Problemhorst.

Woran denkst du, wenn du an Heimat denkst? Was für Gefühle weckt es in dir? Und warum ist Rosenkohl so unlecker? Verrate es uns in den Kommentaren!

5 Kommentare

  1. (Elbblick hat auf Twitter den Pöbel ermuntert, zu kommentieren, also ist es seine schuld, dass ich hier wieder zu viel über mich selbst reden werde)

    Ich hab ein gespaltenes Verhältnis zu Heimat, auch wenn ich den Begriff ansich durchaus positiv sehe. Heimat fühle ich irgendwie im Bezug auf Regionen, in denen ich noch nen Koffer habe, aber nicht wohne. Ich komme aus dem Sauerland, aber mit dieser Region konnte ich mich nie so richtig identifizieren- der Umgang dort war mir immer zu streng, zu katholisch, zu konservativ. Stattdessen fühlte ich mich verbunden mit der Heimat der mütterlichen Seite meiner Familie: Hannover. Die Leute, die ich da kannte, waren entspannter, lockerer, humorvoller.

    Nachdem ich aus dem Sauerland wegzog, wie es der Zufall so wollte nach Gelsenkirchen, begann ich, die positiven Seiten des Sauerlands wahrzunehmen. Natur, gutes Bier (Westheimer Pilsener beste!), dörflicher Zusammenhalt. Ich hatte für den Ruhrpott durchaus etwas übrig, nicht zuletzt wegen Schalke, aber wenn mich jemensch gefragt hätte, welche Regionen mich definieren, hätte ich Hannover und Sauerland gesagt. Mein bester Freund im Studium war aus Hannover und wir haben uns über diese Verbindung kennengelernt. Das war wahrscheinlich kein Zufall.

    Jetzt wohne ich seit ca einem Jahr im Norden (April bis Juli ’17 Bremen, seitdem Region Hannover) und seitdem fühle ich das Bedürfnis, Zugehörigkeit zu NRW zu zeigen. Es ist mir selbst etwas peinlich, aber isso. Fördertürme sind inzwischen mein Lieblingssymbol. Das empfinde ich gerade als Heimat, obwohl es gar nicht meine Heimat ist.

    PS: Rosenkohl stinkt.

    1. Interessante Sichtweise. Also, das mit den Heimaten natürlich. Aus der Perspektive hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Aber nach der Logik wird meine Heimat irgendwann zu einem Ring – ich wohne da, wo ich gestartet bin. Zumindest grob.

      Hmmm.

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