Heimat ist irgendwie das Thema der Stunde. Spätestens, seit wir einen Heimathorst haben. Doch was ist dieses Heimat-Ding eigentlich? Was bedeutet es, was bedeutet es nicht? Fragen, die sich vermutlich jeder etwas unterschiedlich beantwortet.

Auch bei uns schaut das nicht anders aus. Vier Leute aus dem Norden, und doch vier verschiedene Sichtweisen auf das Thema Heimat. Mit Überschneidungen und Unterschieden. Mal groß, mal klein, aber immer eine individuelle Sichtweise. Denn genau das macht Heimat letztlich aus: Persönliche Perspektiven.

Den April nutzen wir kollektiv, um den Begriff für uns in Worte zu gießen und so ein wenig fassbar zu machen.

1. Curi0us - Im Norden geht die Heimat unter
2. MandyMatz - Heimat fern der Heimat
3. rosalaut - Das Dorf in der der Stadt
4. elbblick - Heimat ist.

Heimat fern der Heimat

Hallo, mein Name ist Mandy und da komm ich auch her.

Ich wurde 1989 als Wendekind in Riesa geboren, hier wuchs ich die ersten 6 Jahre meines Lebens auf. Ist Riesa meine Heimat?
Riesa, die Sportstadt? Wohl kaum.
Riesa, der Produzent von Streichhölzern? Damit wurde mir die Leidenschaft fürs Zündeln wohl schon in die Wiege gelegt, aber trotzdem nein.
Riesa, die Stadt mit der Nudelfabrik? Ich liebe Nudeln, aber macht mich das zu einer Riesaerin?

Als ich 6 Jahre alt war, zogen meine Mama und ich nach Dresden. Hier ging ich zur Schule, hier erlebte ich die prägenden Jahre der Pubertät. Ist Dresden meine Heimat?
Dresden, das Tal der Ahnungslosen? Ich hoffe, nicht.
Dresden, der Gründungsort von Pegida? Definitiv nicht!
Dresden, die Stadt, die wegen ihrer Kunstsammlungen und Architektur auch als „Elbflorenz“ bezeichnet wird? Ich liebe die geschichtsträchtige Altstadt, wenn ich durch die Kopfsteinpflastergassen gehe oder von einer der Brücken die Silhouette betrachte, überkommt mich immer so ein gewisses Gefühl, aber macht mich das zur Dresdnerin?

Mit 18 Jahren ging ich nach Leipzig. Hier studierte ich – Fremdsprachen sowie meine eigene Sprache -, hier lebte ich das 1. Mal alleine und selbstständig. Ist Leipzig meine Heimat?
Leipzig, die Bachstadt? Ehrlich gesagt habe ich von Bach keine Ahnung.
Leipzig, der Ort vieler vieler Legida-Demonstrationen? 2015 verbrachte ich wohl mehr Zeit auf der Straße, um gegen Nazis zu demonstrieren, als in der Uni.
Leipzig, die Studentenstadt? Lange Zeit definierte ich mich vorrangig und nahezu ausschließlich über meine Zugehörigkeit zur Leipziger Universität, erst nur als Studentin, später auch als Mitarbeiterin, aber macht mich das zur Leipzigerin?

Zu Beginn des Studiums lernte ich eine junge Frau aus Osnabrück kennen. Als sie nach den ersten Wochen nach Hause fuhr, fragte eine Freundin sie scherzhaft, ob sie denn schon eine Mandy kennengelernt habe. Ist das Heimat? Die Erfüllung eines Klischees?

Im März 2016, also vor etwas mehr als 2 Jahren, ging ich nach Sylt. In einen Bauwagen am Deich. Irgendwo im Nirgendwo, inmitten von Feldern und Gänsen. Hier leitete ich Wattwanderungen und Vogelführungen. Oft wurde ich gefragt, ob ich denn von hier komme. „Bei meinem Namen? Was denken Sie?“ Gesenkte Blicke, verlegenes Gekicher: „Ostdeutschland?“ Genau. Aber ist das meine Heimat? Macht mich mein Name zu dem, was ich bin? Ich finde nicht.

Wie Curi0us bereits schrieb, definiert auch der Duden Heimat als „Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt„, er ergänzt um den Begriff der „Verbundenheit“ und verweist auf die Herkunft aus Heim. Heim wiederum ist „jemandes Wohnung, Zuhause (unter dem Aspekt von Geborgenheit, angenehmer Häuslichkeit)“.

Auffällig ist hierbei die Vermischung sachlicher Schlagworte (geboren, aufgewachsen, ständiger Aufenthalt) mit emotionaler Aufgeladenheit (fühlen, Verbundenheit, Geborgenheit, angenehme Häuslichkeit) – Ersteres lässt sich relativ eindeutig festlegen, Letzteres nicht, das bestimmt jeder für sich selbst.

Interessant ist in dem Kontext auch die Tatsache, dass Heimat einen Plural hat. Natürlich haben unterschiedliche Menschen unterschiedliche Heimaten und auch 5 Menschen, die am gleichen Ort zur gleichen Zeit geboren wurden, werden Heimat auf 5 unterschiedliche Weisen definieren. Aber kann vielleicht auch ein Mensch mehrere Heimaten haben? Den einen festen Ort der Geburt, klar, aber schon der Ort des Aufwachsens kann ja abweichen oder sich in mehrere aufgliedern.

Ist Riesa meine einzige Heimat, weil ich hier geboren wurde? Oder habe ich selbst innerhalb Riesas mehrere Heimaten? Da ist die Wohnung, in der ich mit meiner Mutter lebte – und mit meiner ersten Katze, eine Tierliebe, die sich durch mein ganzes weiteres Leben zieht. Da ist das Wohnzimmer meiner Großeltern, in dem ich Deckenburgen baute und wo Weihnachten gefeiert wurde. Da ist eine dunkle Erinnerung an eine Kneipe, die ich mit meinem Lieblingsonkel aufsuchte, in der ich in sehr zartem Alter mein erstes Feuerzeug entzündete und in der ich einen Teddybären geschenkt bekam.

Ist auch Dresden meine Heimat, weil ich hier einen Großteil meiner Kindheit und Jugend verbrachte? Da ist der Baum vor dem Fenster, dem ich auf dem Heimweg (!) immer Hallo sagte. Da ist die Oma der Grundschulfreundin, die mir immer viel zu fest in die Wange kniff. Da ist die Katze, die ich zu meinem 9. Geburtstag geschenkt bekam. Da ist aber auch der 13./14. Februar, an dem ich mit meiner Mama gegen Menschen demonstrierte, die meinen, ihre Heimat verteidigen zu müssen.

Ist auch Leipzig meine Heimat, weil ich hier erwachsen und selbstständig wurde? Da sind die Freundinnen, mit denen ich mich durch den Uni-Dschungel kämpfte. Da ist die erste eigene und später die erste gemeinsame Wohnung, wieder mit Katze. Da ist aber auch Legida, wieder Menschen, die meinen, ihre Heimat verteidigen zu müssen. Und da ist die Kanzlei für Ausländer- und Asylrecht und später der Deutschunterricht für Flüchtlinge, zwei Bereiche, die ein ganz neues Denken über Heimat in Gang setzen.

Sichtbar wird in diesen Erinnerungen: Für mich ist Heimat nicht nur an verschiedenen Orte, sondern sie entsteht auch durch die Anwesenheit von Menschen und Tieren und sogar Pflanzen. Für mich scheint der emotionale Anteil der Heimat-Definition bedeutungsvoller zu sein.

Schlussendlich:

Ist jetzt auch Sylt meine Heimat, weil ich hier, irgendwo im Nirgendwo, inmitten von Feldern und Gänsen, ganz allein, nur mit meiner Katze, zu mir fand?

Bin ich meine Heimat?

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