Du auch.

Vor einiger Zeit bin ich mit einem Kollegen aneinander geraten. Wir haben uns damals in unseren Rollen als Projektleiter regelmäßig über unsere Projekte ausgetauscht, die Berührungspunkte an einigen Stellen hatten. Bei einem dieser Treffen brodelte es in ihm. Einer seiner Projektmitarbeiter hatte es nicht hinbekommen, eine Präsentation rechtzeitig zu erstellen. Der Termin mit dem Kunden wurde ein Desaster.

Der Kollege ließ kein gutes Haar an seinem Mitarbeiter. Das ging sogar so weit, dass er sich in Fantasien ergoss, wie er denn den Mitarbeiter möglichst schnell loswerden könnte, oder zumindest dafür sorgen, dass er keinen Bonus bekommt. Auf meine vergleichsweise harmlose Frage, ob jemand den Mitarbeiter unterstützt habe bei der Erstellung, folgte eine Reaktion sondergleichen: Was mir denn einfiele, mich in sein Projekt zu mischen, mein Projekt liefe ja auch ständig am Rande des Chaos, und ob ich denn selbst schon mal eine Präsentation versaut hätte, ich solle doch lieber auf mich selbst achten …

Ein interessantes Phänomen. Anstatt in so einer Situation zu schauen, wo im eigenen Projekt Sachen im Argen liegen, ob man sich sogar selbst hinterfragen könnte, kommt sofort als Reaktion das Eindreschen auf den anderen und das sich Abarbeiten an dessen Projekt. Mehr noch: Gleichermaßen wird der anderen Person vorgeworfen, sich ungefragt in das eigene Projekt einzumischen.

Die Wahrnehmung dessen, dass man dies im selben Moment selbst tut, scheint vollkommen ausgeblendet. Diese Form des Tu-quoque-Arguments ist ja auch besonders bequem, erfüllt sie doch gleich zwei Zwecke: Von den eigenen Problemen ablenken und gleichzeitig einen Angriff fahren. Frei nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Nur braucht man dafür halt auch einen treffsicheren Stürmer auf dem Platz.

Denn: Es bringt am Ende nichts. Die eigene Präsentation ist immer noch versemmelt, und vielleicht hat man erst im kommenden Jahr wieder die Möglichkeit, seinen Fehler auszubügeln. Die Arbeit des ganzen Jahres ist immer noch dahin. Und man muss sich am Ende eingestehen, dass es vielleicht doch noch nicht reicht für den Olymp. Höchstens für das Moderationsseminar mit Videoanalyse.

Manchmal würde ich mir wünschen, die Leute würden gerade in solchen Situationen mehr auf sich achten. Mehr mit „Ich-Botschaften“ agieren. Sich nicht verstecken, sondern klar heraustreten: „War halt Scheiße.“ Das entwaffnet. Und beruhigt. Und öffnet den Raum für Lösungen, nicht für Schuldzuweisungen.

Das ist natürlich dann besonders schwierig, wenn das Austeilen nicht als Reaktion erfolgt, sondern als kontinuierlicher Grundton. „Wir sind was Besseres!“, „Uns passieren solche Fehler nicht!“ oder „Ihr seid einfach nur zu schlecht!“ Damit wächst die Fallhöhe schon extrem an, und dann hilft einem im Fall der Fälle auch kein „mia san mia“ mehr.

Trotzdem ist das Projekt eben auf Eis. Oder weg.

Für die Projektmitarbeiter selbst kann das übrigens ein Glücksfall sein. Der fragliche Kollege war schnell verschwunden, und nachdem ich mein eigenes Projekt zum Ende gebracht hatte, durfte ich das andere auch noch übernehmen. Und siehe da: Der Mitarbeiter, der die Präsentation versemmelt hatte, hat die Abschlusspräsentation ein Jahr später mit einem kleinen Team perfekt vorbereitet und am Ende sogar selbst gehalten. Unter dem Applaus der Stakeholder.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.