Heimat ist irgendwie das Thema der Stunde. Spätestens, seit wir einen Heimathorst haben. Doch was ist dieses Heimat-Ding eigentlich? Was bedeutet es, was bedeutet es nicht? Fragen, die sich vermutlich jeder etwas unterschiedlich beantwortet.

Auch bei uns schaut das nicht anders aus. Vier Leute aus dem Norden, und doch vier verschiedene Sichtweisen auf das Thema Heimat. Mit Überschneidungen und Unterschieden. Mal groß, mal klein, aber immer eine individuelle Sichtweise. Denn genau das macht Heimat letztlich aus: Persönliche Perspektiven.

Den April nutzen wir kollektiv, um den Begriff für uns in Worte zu gießen und so ein wenig fassbar zu machen.

1. Curi0us - Im Norden geht die Heimat unter
2. MandyMatz - Heimat fern der Heimat
3. rosalaut - Das Dorf in der der Stadt
4. elbblick - Heimat ist.

Das Dorf in der Stadt

Ich bin zwar noch innerhalb einer Ortschaft, aber fahre schon deutlich schneller als 60 km/h. Jeder macht das hier, denn die Ortsausfahrt ist lang, niemand hält sich hier noch an das eigentliche Limit. Ich fahre an dem Ortsschild vorbei und schalte in den fünften Gang, der Motor brummt zufrieden und der Wagen rollt zügig und ruhig die schmale Landstraße entlang. Vor mir liegen zwei Kilometer gerade strecken, es geht deutlich bergab, der Fahrradweg zwischen Straße und Feld wurde gebaut, kurz bevor ich Abitur gemacht habe. Das ist jetzt auch schon fast 10 Jahre her.

Ich kenne die Strecke auswendig, ich bin sie hunderte Male gefahren, selbst oder als Beifahrerin. Ich liebe die Aussicht, diese ruhigen Felder, die sich wie ein grob zusammengenähter Teppich bis an den Rand von Elm und Harz erstrecken. Zwischen den Flicken Dörfer und Straße, mal ein kleines Waldstück. Die Straße läuft auf ein scharfe Kurve zu, für die ich die Geschwindigkeit mindestens wieder auf 60 km/h drosseln muss. Auf eine Rechts- folgt eine Linkskurve und ich fahre auf das Ortsschild des Dorfes zu, in dem ich groß geworden bin.

Wenn ich heute durch die Straßen gehe, kommen sie mir schmaler vor als früher. Ich habe mich an die städtische Breite gewöhnt und wundere mich, wenn mir einfällt, wie groß ich hier früher alles gefunden habe. Die Hecken müssen damals höher gewesen sein, die ragten mir doch über den Kopf. Heute fällt mir der Blick in die Vorgärten leicht. Da ist kein Geheimnis mehr, das ich nur entdecken kann, wenn ich eine passende Lücke im Gestrüpp finde.

Dieser Ort ist meine Heimat. Wenn ich dorthin fahre, sage ich auch ein Jahrzehnt nach meinem Auszug noch: „Ich fahre nachhause.“ Genau so fühlt es sich an: Ich kenne dort jeden Blickwinkel, die Muster der Wege sind mir vertraut und an einer Ecke riecht es immer noch nach frischen Wiener Würstchen, obwohl der Schlachter schon längst dicht gemacht hat. Ich grüße jeden, den ich treffe und die Leute grüßen zurück.

Als ich vier war, hat meine Schwester hat eine Klassenfahrt nach London gemacht. Als sie wiederkam und von ihrer Reise berichtete, sagte ich, dass ich auch in London gewesen sei. Meine Eltern fragte, was die Leute dort zu mir gesagt hätten, ich antwortete: „Hallo Anna!“ und zuckte mit den Schultern.

Ich wohne in Hannover, vor fünf Jahren bin ich hier hergezogen, nachdem ich davor einige Jahre in Braunschweig gelebt habe. Heute fühle ich mich hier sehr zuhause, ich fühle mich heimisch. Dieses Gefühl hatte ich lange nicht.

Das kleine Mädchen aus dem niedersächsischen Nirgendwo fühlt sich im Moment sehr wohl in dieser unscheinbaren Straße verschieden farbiger Häuser. Vor meinem Fenster dauerparkt ein Wohnmobil, das einem Mann aus dem Nachbarhaus gehört. Wir grüßen uns auf der Straße und er erklärt mir gerne, was er gerade sauber machen oder reparieren muss. Ich bin die mit dem Hund. Ruby hat mir ein Stückchen Dorf in die Stadt geholt: Wiederkehrende Gesichter, Kontakt zu Fremden, ein loses Gesprächsthema, Nachbarschaft.

Heimat ist ein Gefühlsbündel, das von jedem mit anderen Erinnerungen, Bildern und Blicken befüllt wird. Meine Heimat ist ruhig, in ihr tauchen Gesichter auf, die mir bekannt sind. Ich fühle mich sicher, denn ich kenne mich aus. Ich fühle mich wohl. Es ist, wie als wenn die Wiederholung angenehmer Dinge sich nach und nach ihren Weg bis in das Heimatgefühl bahnt. Dazu gehören die Winkel meines Dorfes, der Weg von der Bushaltestelle zur Schule, der Gang mit dem Hund um die Kirche und das sanfte Knirschen von feinem Kies unter den Rädern des Rads, das am Steilküstensaum entlang rollt und dazu der süße Geruch von Heckenrosen.

Wenn ich daran denke, bin ich gerührt und froh, so schöne Heimaten gefunden zu haben. Ich freue mich schon auf die nächste.

Ein Kommentar

  1. Eine schöne Beschreibung dessen, was ich auch kenne aus meiner Kindheit. Ich bin gespannt, welche Aspekte des Themas Heimat ihr noch alles erörtern werdet – ich habe da so meine eigene Definition des Begriffs, der bei euch glaube ich noch unerwähnt blieb. Daher warte ich noch ein wenig ab….;-)

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