Bio-Gallowayrindschlachtabfall, 7€/Kilo

Ich steige aus der Bahn, fasse die Hundeleine etwas kürzer und trete auf den Bahnsteig. Ich bugsiere mich und den Hund auf gewohnten Wegen durch die Bahnhofshalle. Das Wetter ist schön, die ersten wirklich warmen Tage des Jahres. Der Hund läuft ruhig neben mir, und ich entscheide mich, die zwei Stationen bis nachhause zu laufen. Ich löse meinen Rucksack ein bisschen, damit Luft an meinen angeschwitzten Rücken kommt, und hebe den Blick: Das Gitter der Oberleitungen durchzieht das tiefe Blau des Himmels, der nicht mehr blass und winterlich scheint, sondern sich in satten Schritten seiner sommerlichen Form nähert.

Ich gehe langsam, der Blick schweift über Schaufensterpuppen und Legofiguren, über Handtücher, Schreibwaren und Turnschuhe, über einen Riss in der Scheibe und die Person, die daneben sitzt. Ein Mann, dessen Alter ich schwer schätzen kann. Er sitzt im Schneidersitz, den Blick gesenkt. Er ist etwas nach vorne gebeugt, der Rücken rund und ohne Spannung. Er sitzt auf einer mit irgendwas gefüllten Plastiktüte, auf dem Schild, das beide Hände umfassen, steht: Ich habe Hunger.

Der Hund zieht zu dem Mann, der den Kopf hebt und den Hund anguckt. Nicht einladend, nicht ablehnend. Ich greife in die Leine, mache zwei schnelle Schritte und bin vorbeigegangen. Meine Halsschlagader pocht und ich werde rot. Ich senke den Blick, ich schäme mich.

Ich schäme mich dafür, nicht in mein Portemonnaie gegriffen und ihm etwas gegeben zu haben. Ich schäme mich dafür, den Hund von ihm weggezogen zu haben. Ich schäme mich dafür, mich nicht neben ihn gesetzt zu haben für ein Gespräch, einen Smalltalk. Es gibt Videos davon im Internet, wie sich Menschen anderen Menschen annehmen. Berichte darüber, wie einfach es ist, Kontakt aufzubauen.

Ich habe Berührungsängste und scheue den Kontakt. Ich habe Sorge, dass da eine gönnerhafte Überheblichkeit mitschwingt, dass es so wirkt, als würde ich mich zu etwas herablassen. Dabei würde ein Teil in mir am liebsten direkt zur Bank gehen, hundert Euro abheben und sie dem Mann in seine olle Dose stopfen. Kommentarlos, einfach so. Weil sie mir nicht so sehr fehlen werden, wie sie ihm fehlen. Weil er sich davon vielleicht etwas kaufen kann, was er wirklich braucht.

Ich könnte ein Zehntel meines monatlichen Gehalts dieser Person gegen. Der nächsten nicht mehr, dafür habe ich nicht genügend Zehntel. Und trotzdem hätte ich beim Vorübergehen am nächsten auf Plastiktüten sitzenden Menschen das gleiche Gefühl. Scham. Ein Gefühl, von dem ich mich nicht freikaufen kann. Etwas, das an Dinge wie Glück, Herkunft, Bildung gekoppelt ist, ein Zufall, und ich stehe auf der sonnigeren Seite. Dafür können wir beide nichts.

Die Reportage „Ungleichland“ beschäftigte sich, wie der Titel schon verrät, mit der ungleichen Verteilung von Eigen- und Reichtum innerhalb Deutschlands. Es ist so interessant wie plausibel, dass Reichtum kaum erforscht ist. Für eine Promotion kann man sich mal vier Jahre in einem Brennpunkt einmieten, Ämter haben Einsicht in Konten und Lebensführung. Eine derartige Blöße geben sich Personen aus bestimmten Schichten nicht, oder nur in selbst kontrollierten Dosen. Ich habe diese Dokumentation gesehen und habe häufig doll den Kopf schütteln müssen: Ich hoffe, ich würde mich schämen, in teurem Outfit bei einer Charitygala aufzulaufen und der Kamera zwischen zwei Hauptgängen zu erzählen, dass diese Veranstaltung ja im Prinzip staatlich subventioniert werde, weil man Spenden ja von der Steuer absetzen könne. Ich hoffe, ich würde mich schämen, in der anschließenden Talkrunde davon zu schwärmen, wie schön es einfach wäre, wenn tatsächliche Chancengleichheit bestünde: Potentieller Reichtum für jeden!

Dass auch bei Chancengleichheit nicht jeder Millionär wird, fällt dabei schnell unter den Mahagonitisch.

Hundert Euro würden dem Mann zu neuen Schuhen verhelfen, die ihn in seinem alten Alltag begleiten würden. Der Tropfen auf dem heißen Stein. Punktuell geholfen, Struktur unverändert. Am Ende der Doku wird die Frage nach der Verbindung zwischen Macht und Geld aufgeworfen, die immer enger wird. Es braucht kein Genie, aus der Kombination des Faktors Macht von Reichtum und dem Standpunkt „Reichtum versteuern finden reiche Menschen nicht gut“ eine Zukunftsperspektive abzuleiten, in der Verteilungsgerechtigkeit durch die dumpfe Idee von Chancengleichheit ersetzt wird, die als eine Art soziales Alibi nur schlecht funktioniert.

Mein Blick fällt auf den Hund, der einen gestochen scharfen Sommerschatten hinter sich herzieht. Mir fällt das teure Biofutter ein, das ich ihm letzte Woche gekauft habe. Sieben Euro für ein Kilo Gallowayrindschlachtabfall, den ich gekauft habe und dachte: ‚Ach, schade, dass das in Plastik eingeschweißt ist. Aber immerhin bio!‘

Ich fühle mich furchtbar dekadent, dort neben meinem Biohund, der im Laufe eines Tages wahrscheinlich mehr nette Worte hört, als der Mann, den ich eben passiert habe. Ich überlege, wann sich der Mann aus der Dokumentation das letzte Mal so gefühlt hat, dann biege ich rechts in Richtung Sparkasse ab.

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