Am Anfang war das Wort

Ich trage diesen Artikel nun schon seit geraumer Zeit mit mir herum, nach unseren Überlegungen zum Thema Heimat kam er wieder mehr an die Oberfläche und drängt nun hinaus. Was ich nämlich in meinem Heimat-Beitrag vollkommen außen vor gelassen habe, ist der Aspekt der Sprache. Der sprachlichen Heimat.

Et voilà.

Ich würde mich selbst – und wer mich kennt, würde mir hierin sicher zustimmen – als Sprachmensch bezeichnen. Ich liebe meine eigene Sprache, ich liebe Fremdsprachen, ich liebe Sprache an sich. Und nachdem ich während der Schul- und später Unizeit einige Fremdsprachen gelernt habe, begann ich im Winter 2015, selbst Sprache zu unterrichten. Deutsch für Flüchtlinge. Deutsch als Fremdsprache.

Dem Unterricht voraus ging ein Workshop, durchgeführt von 2 Lehrerinnen einer Schule mit DaF-Klassen. Sie zeigten uns einige Mittel und Wege, Sprache zu vermitteln. Viel über Sinneseindrücke, vor allem das Visuelle, viel über Spiele. Denn unsere Deutschkurse sollten nicht nur ein Sprach-, sondern vielmehr auch ein Willkommensangebot sein. Und das war das Wichtigste, was sie uns vermittelten: Wir sollten Geduld haben. Für unsere Schüler, also Flüchtlinge, hieße Deutsch zu lernen auch immer, ein Stück ihrer Identität nicht nur abzulegen, sondern zu verlieren.

Ich habe das damals nicht so recht verstanden. Ich selbst hatte bereits Einblicke in verschiedene Sprachen erlangt und nie das Gefühl, einen Teil meiner Identität verloren zu haben. Der große Denkfehler, den ich beging: Ich lernte die Sprachen a) aus freien Stücken, nicht, weil ich musste. Und ich lernte sie b) innerhalb meines eigenen Landes. In meinem Land und aus freiem Willen öffnete ich mir ein Fenster in eine andere Sprache, eine andere Kultur, ein anderes Denken.

Bei geflüchteten Menschen ist das etwas ganz anderes. Sie mussten ihr Land verlassen und sie mussten eine neue Sprache lernen. Sicher wollen die meisten auch, um teilhaben zu können, aber es ist keine freiwillige Entscheidung, wie es das bei mir jedes Mal war. Wenn ich an einer Sprache scheitern sollte, wäre das kein schönes Gefühl und sicher kratzte es an meinem Ego, aber es wäre auch nicht das Ende der Welt, denn alle um mich herum sprechen ja meine Sprache. Bei geflüchteten Menschen ist das etwas ganz anderes.

Menschen kommen in ein anderes Land – aus welchen Gründen auch immer – und können auf einmal nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen. Weil sie alle anderen Teilnehmer nicht verstehen. Und weil die anderen Teilnehmer sie nicht verstehen. Die einfachsten Dinge können nicht verstanden und nicht verständlich gemacht werden. Wahrscheinlich fühlt man sich furchtbar hilflos, dumm – und ausgegrenzt.

Ein klitzekleines bisschen kann ich es nachvollziehen (und ich will meine Erfahrungen keinesfalls mit einer Flucht gleichstellen!), seit ich aus Sachsen in den Norden Deutschlands gezogen bin. Denn ja, es ist weiterhin meine Sprache in meinem Land, aber selbst innerhalb eines Landes und einer Sprache gibt es Unterschiede. Für mich sind „Viertel Drei“ (14.15 Uhr) und „Broiler“ (Brathähnchen) ein Stück Heimat. Hier oben wird man bestenfalls belächelt, schlimmstenfalls schwer verstanden. Wie sollen sich dann Menschen fühlen, die aus einem komplett anderen Sprach- und Kulturraum kommen?

Die gute Nachricht ist: Sprachen kann man erlernen. Manchen fällt es schwerer, manchen leichter, aber der Zugang steht jedem offen. Über den Erwerb einer Sprache gibt man nicht nur einen Teil seiner Identität auf, man gewinnt auch einen Teil dazu. Was ich dabei immer wieder beobachten konnte: Sprache ist nicht nur für die Lernenden Identität, sondern auch für mich als Lehrende. Am Anfang eines Sprachkurses sitzen da lauter unbeschriebene Blätter vor mir. Ich weiß nichts über diese Menschen, weil sie sich nicht mitteilen können. Sie haben – scheinbar – keine Persönlichkeit. Und nach und nach werden diese leeren Blätter Menschen mit Persönlichkeiten. Menschen, die mir von ihren Lieblingsfarben erzählen können, von ihren Hobbys. Ihrer Familie. Ihrer Heimat. Schüler werden zu Menschen.

Kleiner Schwenk zurück zu mir: Ich habe einige Fremdsprachen gelernt. Was ich dabei jedes Mal auch gelernt habe, ist ein Stück mehr über meine eigene Sprache. Denn erst im Vergleich mit fremden Sprachen wird Bewusstsein für die Eigenheiten der vertrauten Sprache geschaffen. Andere Sprachen zu lernen, hat mich immer wieder zu meiner eigenen Sprache zurückgebracht.

Wir sollten das Fremde nicht fürchten. Das Fremde ist immer auch Bereicherung für das Eigene.

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